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Literatur / Research

“Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen”. Der Philosoph als Lumpensammler


Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin, Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Florent Perrier, Aus dem Französischen von Horst Brühmann, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009, 1372 Seiten.

 

 

 

Wenige Monaten vor dem 70. Todestag Walter Benjamins publiziert der Suhrkamp Verlag eine deutsche Übersetzung des monumentalen Buches von Jean-Michel Palmier Walter Benjamin. Le chiffonier, l’Ange et le Petit Bossu, das der französische Verlag Klincksieck 2006 postum veröffentlichte, meisterhaft herausgegeben von Florent Perrier. Dabei handelt es sich um eine umfangreiche und präzise argumentierende Rekonstruktion von Leben und Werk Walter Benjamins, die keinen neuen Interpretationsvorschlag liefern, sondern die Texte und Gedanken des deutschen Philosophen erleuchten möchte.

   Die unvollendete Arbeit konnte dank der Hilfe einiger ehemaliger Schüler Palmiers  veröffentlicht werden. Das Buch sollte in fünf Teile gegliedert werden, von denen nur die ersten drei und ein kleiner Teil des vierten fertiggestellt worden sind. Der Rest ist als Schemata und Notizen lesbar, die einen Appendix des Buches bilden. Die ersten drei Teile kommen wahrscheinlich dem sehr nah, was die endgültige Version hätte sein sollen. Der erste Teil ist eine chronologische und dokumentierte Darstellung von Benjamins Leben; der zweite stellt einige Texte des deutschen Autors aus der Perspektive der Sprachphilosophie dar; der dritte heißt Ästhetik und Politik und führt in eine materialistische Ästhetik ein. Der vierte (von dem wir nur das Kapitel Materialismus und Messianismus lesen können) sollte die komplexe Dialektik zwischen Theologie und Politik erleuchten und der fünfte sollte in seinem Zentrum die Passagen-Arbeit behandeln.

   Wie Palmier selbst in seinen umfangreichen Notizen und Vorarbeiten von 1995 ankündigte: “Es wird um die präziseste und vollständigste Arbeit über den deutschen Autor gehen”. Es gibt tatsächlich bis heute in der Sekundärliteratur der verschiedenen Disziplinen keine umfassende Biographie, die zum Ziel hat, alles zur Kenntnis zu geben, was man über Benjamins Leben und Werk wissen sollte. Das verwundert, und das noch mehr in Deutschland, wo Benjamin in den letzten Jahren ein “Klassiker” geworden ist, dessen Texte sowohl im akademischen als auch im nicht-akademischen Bereich als kanonisch gelten. Deutschland hat nämlich – wie viele andere Länder – keine Biographietradition, vor allem keine von Denkerbiographien. Es gibt natürlich viele Benjamin-Profile, die aber zum Zweck haben, einen einzigen Aspekt seines Denkens zu analysieren und zu deuten.

   “Ich habe mich bemüht alle die Bucher, die Benjamin las, zu lesen, seinen politischen und ästhetischen Denkweg minutiös zu rekonstruieren”, schreibt Palmier. Das scheint einem Benjaminkenner sowohl unmöglich als auch arrogant. Wenn man aber das Buch liest, sieht man, dass der Autor sich eine enorme Arbeit mutig aufgeladen hat und damit Benjamins Texten in gewissem Sinne ihr Milieu gegeben hat; er rekonstruiert also sein Leben und Werk innerhalb des Horizontes des Wilhelminismus und sucht in jedem Text die Quellen zu finden und zu analysieren, von denen Benjamin – manchmal auch unbewußt – inspiriert worden sein kann. Benjamins politische Evolution ist z. B. nach Palmiers Meinung unverständlich, wenn man den Hintergrund des Wilhelminismus nicht kennt. Kein Deutungsmuster, keine Innovation, sondern eine großartige philologische Arbeit an den Quellen steht also hinter Palmiers Buch.

   Das bringt natürlich Vor- und Nachteile mit sich. Man fragt sich einerseits, ob man in der Sekundärliteratur über den deutschen Autor ein solch dickes Buch braucht, das nichts Neues zu sagen hat. Andererseits kann man aber auch behaupten, dass Palmier Benjamins Methode treu geblieben ist. “Ich habe nichts zu sagen, nur zu zeigen”, sagt Benjamin in einer berühmten Passage, in der er seine Methode als antisubjektivistisch vorstellt.  Das Palmier-Buch ist voll von Zitaten aus Benjamins Texten, um dem Biographierten besonders nah zu bleiben. Das heißt aber nicht, dass Palmier die Schreibweise Benjamins benutzt. Er versucht, die Komplexität von Benjamins Werk mit einer klaren Sprache zu beleuchten, ohne Benjamins Texte zu banalisieren. Er bleibt ihnen also treu, aber nicht zu nah. Allerdings ist die Zitierweise manchmal sehr unpräzis, was mit der unvollendeten Natur des Buches zusammenhängen mag. Es spricht sehr für den deutschen Übersetzer Horst Brühmann, dass er ein solch monumentales Buch nicht nur übersetzt hat, sondern auch die vollständigen Zitate in den deutschen Texten wieder aufgesucht hat.

   Palmier kennt natürlich sehr gut den ansteckenden Reiz von Benjamins Texten. Er spricht von „der manchmal esoterischen Schönheit seines Stils, der Tiefe und Fremdheit seiner Formulierungen”. Durch die Worte von T. W. Adorno sagt er, dass einem vor Benjamins Texten  „zumute wie einem Kind ist, das durch die Ritze der verschlossenen Tür das Licht des Weihnachtsbaums gewahrt“. Er ist mit der komplexen Geschichte der Benjamin-Rezeption (v. a. mit der Debatte um den marxistischen oder jüdischen Benjamin) vertraut –stellt sie aber nicht immer vollkommen korrekt dar. Palmier zeigt uns nämlich Benjamins Quellen gut, aber er scheint die Sekundärliteratur nicht vollständig zu kennen. Zum Fascinosum von Benjamins Sprache und zur breiten Debatte um Benjamins Denken geht er auf Abstand. Es scheint, als ob nach Palmiers Absicht kein kritischer Ansatz als solcher möglich wäre, ohne sich einerseits dem Benjaminkult zu entziehen,  andererseits ohne ein einziges Interpretationsmodell oder einen einzigen Betrachtungspunkt zu vergessen. Trotzdem kann man feststellen, dass sich ein – wenn auch dünner – roter Faden durch Palmiers Buch hindurchzieht. Die drei Figuren, die dem Buch den Titel geben (Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein) haben etwas Gemeinsames: Durch Variationen des Themas “Rücken” (Tasche, Flügel, Buckel) verkörpern sie die Dialektik zwischen Schicksal und Rettung. Diese durchzieht alle Themen und Motive, die Palmier von Benjamins Denken untersucht. Vielleicht zeigt sich diese Figur in ihrer Prägnanz am besten im Kapitel Die Neuerschaffung der Literaturkritik als Gattung, in welchem die Kritik ihre Erfüllung im Begriff der Rettung sieht, sowohl als politischer als auch als theologischer Begriff verstanden. Dieses Kapitel ist eine Art mise en abyme des ganzen Buches – und seiner Intention. Was Palmier vorhatte, scheint eine Art Re-Konstruktion und Rettung von Benjamins Leben und seinen Texten, die seiner Meinung nach riskieren, durch unvollständige und oft einseitige Interpretationen entstellt oder vergessen zu werden.

   Auf der Schwelle zwischen Politik und Theologie, zwischen Marxismus und Judentum, bewegt sich die Philosophie von Benjamin, der als Lumpensammler die Dialektik im Stillstand zwischen Engel und bucklicht Männlein erfährt. Indem Palmier Benjamins Denken mit Akribie und Sorgfalt auf das Detail und auf das Einzelne zurückführt, bewegt er sich selbst als Lumpensammler. Vielleicht ist es kein Zufall, dass er, bevor er sein Opus magnum (Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel, bucklicht Männlein) schrieb, sich an einem Retour à Berlin geübt hatte, eine Art Berliner Kindheit, im Sinne einer Art Nach-Erzählung einer Reise nach Berlin, die nach vielen Jahren geschrieben wurde. Geht es hier um eine echte Wahlverwandtschaft?

   In Palmiers Text spiegelt sich die Tatsache, dass das wichtigste Werk Benjamins das Passagen-Werk werden sollte, ein Thema, über das Palmier – wegen seines frühen Todes – leider nur Notizen, Aphorismen, Stichwörter schreiben konnte. Das ist wirklich schade, weil dieses Kapitel angesichts von Palmiers Prämissen vielleicht das Interessanteste in seinem Buch hätte werden können. Aber vielleicht ist es das Schicksal eines unvollendeten Meisterwerks (das Passagen-Werk), auch in seinem Nachleben als Torso zu überdauern. Die Ruinen sind nämlich in Benjamins Sinne wichtig, nicht einfach wegen ihrer Seltenheit, sondern wegen ihrer Macht der Erinnerung und wegen ihrer Fähigkeit, begriffliche und bildliche Konstellationen zwischen verschiedenen Epochen zu schaffen.

 

                                                                                                                                 Maria Teresa Costa


Angeliki Spiropoulou

Virginia Woolf, Modernity and History: Constellations with Walter Benjamin
(London and New York: Palgrave-Macmillan, 2010)

This book analyses the representation of the past and the practice of historiography in both the fiction and the critical writings of Virginia Woolf. It argues for a critical historiography, distinct from the conventional assumptions of history writing, to be found in Woolf's essays and fiction, and links her historiographical imagination with Walter Benjamin's philosophy of history and associated theory of modernity along certain dialectical motifs and emblematic figures.

Flyer


PHILIPPE BAUDOUIN, Au microphone : Dr. Walter Benjamin. Walter Benjamin et la création radiophonique 1929-1933, Éditions de la Maison des sciences de l’homme, Paris, 2009, 270 S., € 25.

 

Fünfundzwanzig Jahre nach der bahnbrechenden, noch heute unentbehrlichen Monographie von Sabine Schiller-Lerg (Walter Benjamin und der Rundfunk, München 1984) hat sich der in Montpellier tätige Philosoph Philippe Baudouin an die bislang innerhalb der Forschungsgemeinschaft als sekundär betrachteten Rundfunkarbeiten Benjamins herangewagt. Bekanntlich hat Benjamin zwischen 1929 und 1933 mehr als achtzig Sendungen realisiert. Ein guter Teil der zugrunde liegenden Texte können heute im zweiten, vierten und siebten Band der Gesammelten Schriften gefunden werden, wobei diese Verstreutheit eine angemessene Rezeption eher nicht erleichtert hat, und auch die 2002 von Detlev Schöttker herausgegebene Auswahl der Medienästhetischen Schriften Benjamins gönnt den Rundfunkarbeiten einen relativ bescheidenen Raum.


Um die Originalität und die philosophische Relevanz dieser Rundfunkarbeiten zu belegen, lädt Baudouin den Leser auf eine Reise in drei Etappen ein. Als wesentliche Voraussetzung gilt für ihn die Betonung der mittlerweile fast zum Gemeinplatz gewordenen eigentümlichen Verschränkung zwischen Theorie und Praxis, der jede Auseinandersetzung mit diesem Teil der Benjaminschen Produktion Rechnung tragen sollte: Ein rein ästhetischer Ansatz erweist sich allerdings als unzulänglich und sollte durch politische Überlegungen fruchtbar gemacht werden Zu diesem Zweck liefert Baudouin im ersten Kapitel eine bündige Schilderung des Weimarer Kontextes im allgemeinen und der Motivationen und Einflüsse (v. a. von E. Schoen, A. Lacis und B. Brecht), die Benjamin zu einer so intensiven Beschäftigung mit dem Rundfunk geführt haben. Mag auch seine finanzielle Notlage den Hauptimpuls dazu gegeben haben, hat Benjamin gleichwohl das Potential dieses Mediums eingesehen und politisch-pädagogisch zu verwerten versucht. Um die weittragenden theoretischen Implikationen dieses Unternehmens analytisch bloßzulegen, werden im zweiten Kapitel sowohl der Kunstwerk-Aufsatz (1935) als auch einige verstreute Notizen zum Thema Rundfunk herangezogen (über mehr als Fragmente verfügen wir nicht, da Benjamin bekanntlich „keinen philosophischen Aufsatz über den Rundfunk verfasst“ hat). Baudouins Lektüre ist hier von der Frage geleitet, ob es möglich ist, eine erschöpfende Definition des Rundfunks durch die Konzepte der technischen Reproduzierbarkeit und des Verfalls der Aura zu formulieren. „Aura – bemerkt der Autor dazu – stammt etymologisch aus dem Lateinischen »aura«, d. h. »Luft in Bewegung«, und könnte daher als der Hauch aufgefasst werden, welcher die Stimme des Philosophen überträgt, als eine zärtliche Brise, die seinen jungen Zuhörern Lehrinhalte und Staunen darbietet“. Durch diese Ätherschwingungen hat Benjamin mit dem Rundfunk einen äußerst experimentellen und innovativen Umgang gepflegt, indem er nicht nur literarische Vorträge, sondern auch witzige Hörspiele, lehrreiche „Hörmodelle“, unterhaltsame Funkspiele und Erzählungen zustande gebracht hat, alle weitgehend von der politischen Überzeugung geleitet, der Hiatus zwischen Produzent und Zuhörer solle aufgehoben werden, indem letzterer sich nicht als passiver Rezipient verhalte, sondern Position zum Gehörten einnehme.


Damit kommt Baudouin zum dritten Teil seiner Studie, wo er das bunte Terrain der Rundfunkerzählungen für Kinder ausführlicher erkundet, dabei vertritt er die weitreichende These, Benjamin wäre zu seiner Auffassung des Verfalls der erzählerischen Fähigkeit gerade durch seinen Umgang mit dem Rundfunk gekommen. Baudouin projiziert das im Erzähler-Aufsatz (1936) behandelte Problem auf Benjamins ältere Texte zurück und behauptet, dass Benjamin mit seinen Arbeiten für Kinderversucht habe, eine moderne Form der Erzählung paradoxerweise in der technischen Reproduzierbarkeit zu beschwören. Mag man dem zustimmen oder nicht, Baudouins aufmerksame Auslegung dieser Texte zeichnet sich durch eine genuin Benjaminsche Haltung aus, nämlich die liebevolle Hinwendung zum (scheinbar) Unbedeutenden.


Mit seiner Studie, die sich als anregende Einführung in Benjamins Rundfunkarbeiten empfiehlt, hat Baudouin einige Fragestellungen erarbeitet, die weiterverfolgt zu werden verdienen. Seine Antworten scheinen jedoch meistens entweder ergänzungsbedürftig oder überspannt zu sein, was nichtsdestoweniger den anspruchsvollen Charakter dieser Problematik bezeugt. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass dem Buch eine CD beigefügt ist, welche die einzigen uns überlieferten Teilaufnahmen aus dem wunderbaren Hörspiel „Radau um Kasperl“ enthält, so wie anschließend einige von Baudouin geführte Gespräche (u. a. mit Sabine Schiller-Lerg). Die Frische und die Raffinesse dieser 1932 realisierten Sendung wirken noch heute verblüffend auf den Zuhörer.

 

 

Stefano Marchesoni

 



Eine 'kräftige Einsicht in die Nachtseite des Natürlichen'


Heinz Brüggemann; Günter Oesterle (Hrsg.): Walter Benjamin und die romantische Moderne, Würzburg: Königshausen und Neumann 2009.

 

Walter Benjamins Beschäftigung mit der deutschen Romantik kann als eine der kontinuierlichsten und gründlichsten Auseinandersetzungen seines Denkens betrachtet werden. Von der Frühschrift Romantik, einer im Geiste der Jugendbewegung verfassten „nicht gehaltene[n] Rede an die Schuljugend“ von 1913, bis zur 1939 publizierten Rezension einer französischen Romantikuntersuchung von Albert Béguin bleibt der Romantikbezug ein immer wiederkehrendes Motiv, das in seiner Komplexität weder eine werkgeschichtliche Eingrenzung auf Früh-, Mittel- oder Spätwerk noch das klischeehafte Benjaminbild eines verspäteten (Früh-) Romantikers zulässt.

 

Angesichts der schier unüberblickbaren Menge an möglichen Bezügen, mag es nicht wundern, wenn der von Heinz Brüggemann und Günter Oesterle herausgegebene Band Walter Benjamin und die romantische Moderne einen Umfang von nahezu 600 Seiten aufbietet. Mit dem titelgebenden Bezug auf eine „romantische Moderne“ trägt der Band der Einsicht Rechnung, dass es Benjamin weder um einen unvermittelten Romantikbezug noch eine historistische Relativierung der Romantik denn um die „geschichtliche Konstellation“ geht, in die die Romantik zur Moderne tritt. Wenn es dem späteren materialistischen Benjamin in seiner Lesart der Romantik um „unser[en][n], aktuale[n] Anteil am Gegenstand“ zu tun ist, muss die heutige Forschung mindestens eine Doppelperspektive einnehmen: einerseits gilt es der expliziten Romantikrezeption in seinen Einzelwerken textkritisch zu folgen; andererseits geht es um die Darstellung der geschichtlichen und philosophisch-erkenntniskritischen Konstellation, in die Benjamin als Autor der Moderne mit der Romantik getreten ist. Denn so originell sich seine Beschäftigung mit der Romantik heute liest, so folgt sie doch auch, wie die Brüggemann und Oesterle in ihrer Einleitung feststellen, „einer spezifisch deutschen historischen Konstellation. Die Wiederentdeckung der Romantik am Ende des 19. Jahrhunderts inspiriert die kulturkritischen und lebensreformerischen Bewegungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg: in Gestalt der ‚Konservativen Revolution’ in den 20er Jahren, die sich mit der ‚Politischen Romantik’ intensiv auseinandersetzt, aber auch in Gestalt des Anarchismus seit Gustav Landauer, der sich auf Novalis beruft.“ 

 

Angesichts dieser komplexen Ausgangslage folgt der Großteil der Beiträge der vorherrschenden Tendenz der Benjaminforschung, sich eher philologisch auf konkrete Konstellationen zu begrenzen und auf aktualisierende, konzeptuell verdichtende oder Bezüge zu anderen Forschungsfeldern herstellende Fragestellungen weitgehend zu verzichten. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet Brüggemanns innovative Untersuchung zu „Walter Benjamins Projekt ‚Phantasie und Farbe’ in romantischen Kontexten“, die ausgehend von Benjamins wenig beachtetem Dialog Der Regenbogen Bezüge zu August Wilhelm Schlegels Kunstlehre und Goethes Farbenlehre herstellt und diese mit einer an John Ruskin anknüpfenden „Bildtheorie des unbegrifflichen Sehens“ gegenliest. Brüggemann erkennt in Benjamins Beschäftigung mit dem Themenkomplex Phantasie, Farbenlehre und Bildtheorie eine Fortführung einer „ästhetischen und poetologischen Theoriebildung der deutschen Klassik und Frühromantik“, als deren Pointe das „Konzept der reinen Farbe als Medium der Phantasie“ verstanden werden kann. Diese originelle Lesart eröffnet nicht nur neue Perspektiven auf Benjamins frühen Sprachaufsatz sondern auch auf sein späteres ins Anthropologisch-Materialistische gewendete und vom Surrealismus beeinflusstes Phantasiekonzept.  

 

Einen weitren Höhepunkt des Bandes bildet Uwe Steiners verdienstvoller Beitrag „Der eigentliche Leser“, der Benjamins Verhältnis zu Florens Christian Rang beleuchtet und dessen bisher wenig beachteten „großen Brief zur Dissertation“ an Benjamin vom 10.10.1920 dokumentiert. Das Fundstück, das hier als Faksimile zusammen mit Rangs Marginalien zu Benjamins Dissertationsschrift erstabgedruckt wird, bietet zusammen mit dem Anmerkungsapparat des ebenfalls von Steiner editierten dritten Bands der Kritischen Gesamtausgabe eine für zukünftige Forschungsarbeiten unverzichtbare und philologisch hervorragend aufbereitete Textgrundlage zum Thema.

 

Benjamins Dissertation markiert bekannterweise den quellenbezogenen Schwerpunkt seiner frühen Romantikrezeption; weniger beforscht sind die Schwankungen, Wendungen und Umarbeitungen romantischer Texte, Motive und Themenstellungen in seinen späteren Texten. Der 2007 verstorbene Stéphane Mosès, dem die Herausgeber ihren Band gewidmet haben, argumentiert dementsprechend in seinem Beitrag, dass eine ausschließlich auf das Frühwerk fokussierte Lektüre von Benjamins Romantikbeschäftigung zu kurz greift, da sich mit dem Trauerspiel-Buch Mitte der 20er Jahre eine „Absage an die romantische Kunsttheorie“ ankündigt, ohne dass die Referenzen auf die Romantik dabei verschwünden. Denn selbst an unerwarteter Stelle wie im auf den ersten Blick unromantischsten Essay über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935) taucht ein Romantikbezug auf, wie Burkhardt Lindners Beitrag „Versuche über Traumkitsch. Die blaue Blume im Land der Technik“ überzeugend darlegt.

 

Überraschend ist allerdings, dass nur wenige Beiträge dem in Benjamins Dissertation chiffrehaft anklingenden Verweis auf einen „romantischen Messianismus“ gefolgt sind und keiner konzeptionelle Bezüge zum politischen Messianismus des marxistisch orientierten Spätwerks eingehend untersucht. Lediglich Steiner hält Benjamins eigener Einschätzung, wonach der Messianismus „das Zentrum der Romantik“ darstelle, folgendes Fazit entgegen: „Im Messianismus das geheime Zentrum der Romantik zu erkennen, das heißt für Benjamin vor allem, ihr Scheitern zu begreifen.“ Ohne Steiners These hier diskutieren zu können, wäre es sicherlich auch interessant gewesen zu erfahren, was Benjamin selbst unter einem Messianismus romantischer Prägung verstanden haben mochte.

 

Sami Khatib


Wahlverwandtschaften


Ulisse Dogà: 'Port Bou – deutsch?' Paul Celan liest Walter Benjamin“
(Rimbaud Verlag, Aachen 2009)

 

In seinem lesenswerten Buch 'Port Bou – deutsch?' Paul Celan liest Walter Benjamin widmet sich Ulisse Dogà einem am 19.07.1968 verfassten, zu Lebzeiten jedoch unveröffentlichten Gedicht Paul Celans, welches mit direkter Bezugnahme auf Walter Benjamin zu den ideologischen Tendenzen im Nachkriegsdeutschland kritisch Stellung nimmt. Dabei geht es ihm vor allem darum die „brüderliche Nähe“ zweier exzentrischer Autoren aufzuzeigen, deren ebenso faszinierende wie opake Texte nicht nur einer Generation von Geisteswissenschaftlern Rätsel aufgegeben haben. Umso bemerkenswerter ist es, dass seine detail- und kenntnisreiche Studie an keiner Stelle der Versuchung nachgibt, in das bequeme Dunkel einer esoterischen Überhöhung ihrer „geheimen Verabredung“ zu fliehen, sondern die intellektuelle Wahlverwandtschaft zwischen dem hermetischen Dichter und dem idiosynkratischen Philosophen  konsequent kontextualisiert. Dem poetologischen Imperativ Paul Celans folgend, - „Denn das Gedicht ist nicht zeitlos“, - wird sein Gedicht Port bou – deutsch?  in den politischen, sozialen und literarischen Machtverhältnissen“ der ersten drei Jahrzehnte der bundesdeutschen Republik positioniert. Für das „Prinzip Widerstand“, das Dogà zu Recht Celans poetischer Praxis jenseits der Dichotomie autonome/engagierte Kunst zugrunde legt, steht dabei Benjamins Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion des Schriftstellers Pate. Celans bis in die Wortwahl verfolgbare Auseinandersetzung mit Benjamins Kommerell-Rezension Wider ein Meisterwerk unterstreicht zudem die Kontinuität der intellektuellen Oppositionsbildungen in der deutschen Bildungselite des 20. Jahrhunderts.

 

Vor den Augen des Lesers von Dogàs Studie entfaltet sich dadurch ein unheimliches Panorama, welches die affirmative Beschwörung von Benjamins Text und Leben in Celans Gedicht als unumgänglich erscheinen lässt. Indem es Wort für Wort als Aktualisierung und Radikalisierung geschichtsphilosophischer Theoreme und politischer Stellungnahmen Walter Benjamins gelesen wird, richtet sich diese überzeugende Interpretation gegen die des französischen Philologen Jean Bollack,  welcher Port Bou – deutsch? als Kritik an den unterstellten „Verstrickungen Benjamins“ in den Irrationalismus deutscher Ideologie verstehen wollte. Dagegen wird es in Dogàs philologisch präziser Lektüre zum Fixpunkt eines Meridians deutsch-jüdischer Rationalität, auf dessen Bahn sich auch Benjamins Denken und Erfahrung wiederfindet. Trotz der Betonung ihrer „brüderlichen Nähe“ unterschlägt Dogà die Differenzen in Haltung und Prinzip jedoch nicht. Kurz gesagt: Celan verbietet die Erfahrung totaler Gewalt in der Shoa Hoffnung und Melancholie, welche als Pole Benjamins Geschichtsphilosophie tragen, - so seine These.


Der Charme seiner gelungenen Studie, - Celans Auseinandersetzung mit der Philosophie und Biographie Walter Benjamins bis in die Technik des Gedichtes zu verfolgen, - wird Dogà jedoch an manchen Stellen zum Verhängnis, nämlich beispielsweise dann, wenn seine Auslegung durch suggestive Benjamin-Zitate gestützt werden soll, welche selbst erklärungsbedürftig sind. Zudem werden Benjamins, - aus der historischen Distanz betrachtet,-  fragwürdigen Charakterisierungen der politischen Kultur seiner Zeit zum Großteil unhinterfragt übernommen. Misst man Dogàs Buch am eigenen Maßstab, -  seiner Ansicht nach „entbindet (das Gedicht) neues Erkenntnispotential“ und „erhebt sich im Nu über die damalige Polemik und das Niveau der Diskussion um Walter Benjamin“ - fällt das Urteil deshalb zwiespältig aus: So aufschlussreich seine Interpretation in Bezug auf Celans Stellung in den politisch- intellektuellen Auseinandersetzungen der 60iger Jahre und sein Verhältnis zu Walter Benjamin ist, so wenig Neues erfährt man über dessen Geschichtsphilosophie und Erfahrungshorizont.

  

Johannes Steizinger




A companion to the works of Walter Benjamin

Camden House 2009.
herausgegeben von Rolf J. Goebel


Walter Benjamin (1892-1940) has emerged as one of the leading cultural critics of the twentieth century. His work encompasses aesthetics, metaphysical language and narrative theories, German literary history, philosophies of history, the intersection of Marxism and Messianic thought, urban topography, and the development of photography and film. Benjamin defined the task of the critic as one that blasts endangered moments of the past out of the continuum of history so that they attain new significance. This volume of new essays employs this principle of actualization as its methodological program in offering a new advanced introduction to Benjamin's own work. The essays analyze Benjamin's central texts, themes, terminologies, and genres in their original contexts while simultaneously situating them in new parameters, such as contemporary media, memory culture, constructions of gender, postcoloniality, and theories of urban topographies. The Companion brings together an international group of established and emerging scholars to explicate Benjamin's actuality from a multidisciplinary perspective. Designed for audiences interested in literary criticism, cultural studies, and neighboring disciplines, the volume serves as a stimulus for new debates about Benjamin's intellectual legacy today.
Contributors: Dominik Finkelde, Wolfgang Bock, Bernd Witte, Lutz Koepnick, Eric Jarosinski, Karl Ivan Solibakke, Marc de Wilde, Vivian Liska, Willi Bolle, Dianne Chisholm, Adrian Daub.

Contents:
Wolfgang Bock Benjamin's Criticism of Language and Literature
Dominik Finkelde The Presence of the Baroque: Benjamin's Ursprung des deutschen Trauerspiels in Contemporary Contexts
Wolfgang Bock Lost Orders of the Day: Benjamin's Einbahnstraße
Bernd Witte Literature as the Medium of Collective Memory: Reading Benjamin's Einbahnstrae, "Der Erzähler," and "Das Paris des Second Empire bei Baudelaire"
Lutz Koepnick Benjamin in the Age of New Media
Eric Jarosinski One Little Rule: On Benjamin, Autobiography, and Never Using the Word "I"
Karl Ivan Solibakke The Passagen-Werk Revisited: The Dialectics of Fragmentation and Reconfiguration in Urban Modernity
Marc de Wilde Benjamin's Politics of Remembrance: A Reading of the Theses Contained in "über den Begriff der Geschichte"
Vivian Liska The Legacy of Benjamin's Messianism: Giorgio Agamben and other Contenders
Willi Bolle Paris on the Amazon?: Postcolonial Interrogations of Benjamin's European Modernism
Dianne Chisholm Benjamin's Gender, Sex, and Eros
Adrian Daub Sonic Dreamworlds: Benjamin, Adorno, and the Phantasmagoria of the Opera House












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